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Mittwoch, Januar 26, 2005

In Deutschland gebrochen

Es ist also geschehen. Karlsruhe hat entschieden, dass der Bund den Ländern nicht vorschreiben darf, dass ein Erststudium gebührenfrei sein muss. Herzlichen Glückwunsch CDU. Und natürlich wird die SPD sich auch nicht lange davor drücken, eine weitere Einnahmequelle anzuzapfen.

Welchen Zweck hat denn als Student das ganze Protestieren, Demonstrieren und Streiken? Noch dazu, wenn ein Großteil der Studentenschaft die politisch-wirtschaftlichen Maßnahmen völlig in Ordnung findet oder sich davon nicht betroffen fühlt, weil sie ja bald mit dem Studium fertig sind. Schöne Mentalität. So funktioniert Gesellschaft. Einfach vom Jetzt und Mir aus nicht weiterdenken. Unglaublich, dass ich mir bei den letzten Streiks, an denen ich teilnahm, von Dozenten im Wirtschaftsrecht, die ihre Veranstaltungen, an denen ihre Studenten gerne teilnahmen, natürlich durchzogen anhören musste, wir müssten doch langsam mal von den USA lernen. Ich hatte ja schon Probleme damit, dass ich mich in meiner Jugend jahrelang vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten hatte blenden lassen. Aber dass ich mir so etwas nun von einem sogenannten „Gelehrten“ anhören musste, war doch echt das Letzte. O.k., lasst uns einfach mal ein bisschen Sozialdarwinismus spielen und schauen mal, wie lang der Weg in Deutschlands Zweiklassengesellschaft dauert. Genaugenommen ist sie ja schon lange da. Es ist nun mal so, dass viel Geld sich von selbst vermehrt. Und es ist nun mal so, dass wenig Geld von selbst immer weniger wird.

Lasst uns das Spiel spielen. Aber wenn dann richtig. Jeder mit den Mitteln, die er hat. Und jeder mit dem Engagement, das er hat. „Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“, höre ich noch immer die Worte des Bundespräsidenten, ich glaube, dass es Roman Herzog war, in meinen Ohren. Ich denke der Ruck wird wohl erst ein Bruch und dann ein Rums sein müssen, bevor wirkliches Verständnis um Verhältnisse entsteht.

Aber uns geht es in Deutschland immer noch zu gut. Sowohl den Studenten, als auch allen Arbeitern und Arbeitslosen. Warum sollte sich ein Volk erheben, wenn es noch keinen Hunger hat und bei Bedarf noch alles Nötige bekommt. Streicht beruhigt alle weiteren Sozialhilfen, kürzt Arbeitslosenunterstützungen und fahrt weiterhin Nullrunden mit den Rentnern. Erhebt Studiengebühren erst für die Langzeitstudenten, um dann doch nach und nach auch für das Erststudium zu kassieren. Das ist ja fantastisch! Da entsteht ja ein ganz neuer Markt, um das Studium Minderbemittelter mit Krediten zu finanzieren! (Baden-Württembergs Wissenschaftsminister, Peter Frankenberg, in: Spiegel Nr. 4/24.1.05 S.152ff.)Und diese dann mit einem Schuldenberg ins „Leben“ zu „entlassen““. Und natürlich sind die geplanten 500,- bis 1.000,- Euro ja eigentlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das sind ja gerade bei zwei Millionen Studenten 2 Mrd. Euro und das sind ja gerade einmal 10 Prozent der stattlichen Aufwendungen. Aber auch nur, wenn alle Länder mitziehen. Um einen nennenswerten Betrag zur Kostendeckung einzutreiben, müssten die Hochschulen von jedem ihrer Studenten alljährlich Tausende von Euros eintreiben (Spiegel Nr. 4/24.1.05 S.152ff.). Also bitte. Immer schön von den USA lernen, schön die Gebühren einführen und dann kräftig hochschrauben.

Ich hab nach meinen Streikerfahrungen echt keine Lust mehr über dieses müßige Thema zu diskutieren. Die Mitstreiter um sich herum wegbrechen zu sehen, während die Politik immer den längeren Atem und Hebel hat, macht erst wütend, dann niedergeschlagen und schließlich lethargisch. Wie kann man gegen schlechte Zustände kämpfen, wenn es einem noch zu gut geht. Idealismus ist meist der breiten Aussitzpolitik nicht gewachsen. Mich wundert es nicht, dass in Gebieten, um die es schlechter steht als um Deutschland, aus Idealismus und Wut irgendwann Fanatismus entsteht. Aber ich bitte Euch. Doch nicht in Deutschland. Uns geht es doch gut. Also immer schön weiterspielen.

KARLSRUHER URTEIL (SPIEGEL, 26.01.2005)
LIZENZ ZUM KASSIEREN (Spiegel, 24.01.2005)
"500 EURO EINE HAUSNUMMER" (Spiegel, 20.01.2005)

Mich würde tatsächlich einmal interessieren, wie viele Schüler heute noch studieren wollen, wenn Sie hören, dass sie für das komplette Studium mit allen Nebenkosten einen Kredit von ca. 25.000 Euro aufnehmen müssen. Was wäre den Eltern dann wohl im Falle der Entscheidung lieber? Ihre Kleinen weiterhin im Entschluss zu bekräftigen, dem Weg der studierenden Erleuchtung zu folgen und den Schuldenberg begrüßend in Kauf zu nehmen? Klar es gibt ja vielleicht bald neue Finanzierungsmodelle, bei denen der Student, im Falle der späteren, erfolgreichen Erwerbstätigkeit, mit 8 Prozent seines Monatslohns 10 Jahre lang seinen Studienkredit abbezahlt, wenn er denn jährlich über 25.000 Euro verdient. Vielleicht werden die sozial schwächeren Eltern ihren Kindern aber auch schon von klein auf die Möglichkeit eines Studiums vorenthalten, auf sie einwirken, dass es besser sei, einen vernünftigen Beruf zu erlernen und überhaupt sind Studenten doch sowieso nur unnützes, arbeitsscheues Pack!

Warum geht eigentlich kein Ruck durch deutsche Schulen? Warum sind noch keine Schüler auf den Straßen, um sich ihre Zukunft zu sichern? Sind den Schülern die Neuigkeiten, die sie bestimmt schon von ihren Lehrern erfahren haben egal? Was ist mit den Eltern? Sind die dafür, dass ihre Kinder bald Studiengebühren bezahlen? Ist mal wieder keiner informiert? Oder ist mal wieder allen alles egal? Lethargie? Schon klar! Alles andere wäre ja auch anstrengend. Neee... bleibt mal alle ruhig zu Hause. Mit den neuen Gebühren werden unsere Unis bestimmt richtig flott und mit den tollen Gebühren-Finanzierungsmodellen, diesem fantastischen neuen Wirtschaftszweig, entstehen bestimmt tolle neue Arbeitsplätze und unser Wirtschaftssystem wird angekurvelt.

WISSEN WIRD MEHR WERT (Die Welt, 30.01.2005)

Samstag, Januar 22, 2005

Vom System gefickt. Hartz IV den Verstand verloren?

Nur damit ich mich daran erinnere,
DAS ist ja wohl der Hartz Hammer.

NachGedacht über Baustellen

HIER findet sich ein wirklich schöner Artikel zum Web von Prof. Klaus Kreimeier, der heute auch in der Printausgabe der Frankfurter Rundschau erschienen ist.
Der Spiegel schreibt in seiner Zusammenfassung Kreimeier würde 'meditieren', ich bin nicht sicher, ob das wirklich das richtige Wort dafür ist. Sagen wir, er schreibt über das Netz und den permanenten Zustand der Unfertigkeit, in dem sich Webseiten, Blogs etc. befinden. Ausgang sind die Überlegungen der Betreiber WIKIPEDIA 'abzudichten', Schluss zu machen mit der Datenaufnahme. Kreimeiers Standpunkt, dass nichts gegen Baustellen einzuwenden sei, aber das nur fertige Häuser, scheint mir durchaus nachvollziehbar. Auch ich habe gerne Bücher im Regal stehen. Aber, sind das tatsächlich fertige Produkte? Oder ist das nicht, zum Teil jedenfalls, ein Blendwerk? Kein Lexikon wird jemals fertig, vielmehr verlangt doch gerade die scheinbare Fertigstellung einer Ausgabe gerade die Fertigung der nächster. Und der Brockhaus der vorigen Auflage verhält sich doch relativ zur aktuellen Auflage wie Wikipedia von heute zu Wikipedia von Gestern. Manches ändert sich, Manches bleibt und Manches kommt neu hinzu. Und, ist der Roman Siddhartha von H. Hesse den ich vor Jahren gelesen habe noch der selbe der er wäre, wenn ich das Buch heute noch einmal zur Hand nehme? Sicher es sind die selben Buchstaben auf dem selben Papier geblieben, aber ist der Text nicht ein anderer? Weil ich ein Anderer bin? Weil das Vorurteil beim Lesen ein Anderes geworden ist? Sicher, ich mag Bücher, ich habe sie gerne im Regal stehen. Aber Häuser sind Bücher nicht. Sie geben keine Sicherheit. Ich habe Angst vor Anton Reiser. Und trotzdem bleibt es ein schöner Gedanke Sicherheit zu finden, ein elysischer Traum, der wie Jean Paul gesagt hat, unerfüllt bleiben sollte auf Erden, weil es sonst ein bloß Wiederholter wäre. Und das Leben keine Baustelle.

Mittwoch, Januar 19, 2005

GeSPIEGEL oder Wer versteht die Kugeln aus den Nachrichtenmagazinen?

Noch am Montag den 27. Dezember ist dem Spiegel völlig klar. Da ist doch was im Busch, oder am Strand, ein Flutwellen-Desaster, aber nicht in Südostasien, sondern gleich hier in der schönen bunten Medienlandschaft rollt die Tsumaniwelle. Ein Skandal in Orange; Überschrift: Katastrophale Berichterstattung deutscher Sender.
Richtig, die Katastrophe besteht nämlich gar nicht in Milliardenschäden oder wenigstens aus angeschwemmtem Menschenfleisch, die wahre Katastrophe ist das den kannibalischen Fernsehzuschauern die Fleischfreuden vorenthalten werden. Und dabei hätte man an den Feiertagen doch endlich einmal Zeit gehabt. Wie schön hätte man den Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages damit verbringen können Asiaten live verrecken zu sehen. Wo das doch die Verdauung anregt und Appetit auf mehr macht, Opferzahlen und immer neue Opferzahlen, Laufschriften am Bildschirmrand, Sondersendungen.
Aber der deutschnational-konservative Fernsehzuschauer, der offensichtlich auch den Typ Spiegelleser (und Schreiber) stellt, hat wohl noch nicht gemerkt, dass die Fernbedienung eben die Möglichkeit gibt, auf CNN, der immer an vorderster Front dabei ist, umzuschalten, dass die Informationen schon da sind, mal sie nur eben suchen muss. Oder geht es hier um Nationalstolz? Will man, Spiegelleser, gerade fernsehend die deutsche Tsunami-Katastrophe? Wie passt das zum thailändischen Essen? Und warum ertränkt man nicht ein paar Friesen? Weil Sextouristen nicht an die Nordsee kommen?
Aber was? Deutschen Medien servieren nicht pünktlich deutsche Berichte!!! Skandal. Total. Klasse Spiegel.
Und heute? Polemik. Ihr seit super. Und so ambitioniert. Erst die Berichterstattung anheizen, die Betroffenheit erzeugen, die OLYMPIADE DES GUTEN ausrufen, damit man sich hinterher noch drüber lustig machen kann. Wenn ihr die Fresse gehalten hättet, hätte Fischer fett zuhause bleiben können, hätte die Rettungs- und Aufräumarbeiten auch nicht gestört mit seinem blinden Betroffenheitsaktionismus zu dem ihn nur ein Blick in den Spiegel getrieben haben kann. Und ihr, liebe Spiegelredaktion, hättet am lautesten Rücktritt geschrieen, wenn der nicht auswärts nach Komplimenten im Inland gefischt hätte. Richtig, es geht um uns, oder besser gesagt um euch und eure Werbeeinnahmen. Saubere Leistung, mit allen Tsunami-Wassern gewaschen.

Dienstag, Januar 18, 2005

gedicht für weblog nr. 3

nachrichtenmatrix


meer böse
mensch gut
mensch böse
strand gut


gedicht für weblog nr. 2

du
und 1000 km
ich
höre tischnachbarn
lebensszeit
fahrplan
hochzeitsglocken
und
wäre dankbar
für körperkontakt
zum download

Sonntag, Januar 16, 2005

hits of the uk. today: london underground

hier, gestöbert im netz...und der zufall belohnt. hört euch diesen song an. LONDON UNDERGROUND der hit.
dazu empfohlen: der roman 1985 des Clockwork Orange Autors Anthony Burgess.


Freitag, Januar 14, 2005

Nur ein Film?

Vorhin habe ich im Kino den Film „Ray“ gesehen und bin immer noch sehr beeindruckt. Wieder und wieder stelle ich fest, dass sich eine These zu bewahrheiten scheint.


Immer entsteht aus Leid die größte Kunst.

Donnerstag, Januar 13, 2005

Wir lieben die Stürme.

Über den ILOVETSUNAMI Blog nachdenken.

Haben alle Moralisten schon brav ILOVETSUMAMI und FETTEMAMA gehasst? Alle einen Kommentar gepostet? (Wenn nicht, flogt den Links: lesen, ansehen. Meinung bilden.) Ganz kurz, worum es geht. So genante Hassblogs. Der Begriff stammt von Telepolis. Scheint so eine Art Analogiebildung zu Hassprediger zu sein. Keine Glanzleistung. In dem Artikel geht es vorrangig um den ILOVETSUMAMI Blog aus der Blogger.com Gemeinde; schon zwei religiös deutbare Metaphern. Hasspredigen bezieht sich wohl üblicherweise auf antiwestliche Parolen, die angeblich in bestimmen islamischen Gemeinden verbreitet werden. ILOVETSUMAMI dagegen hasst Asiaten und will noch mehr Überflutungen sehen. Wenn man die drei kurzen Beiträge aud ilovetsumamis gelesen hat, die geposteten Kommentare abgegrast, dann weiß man als denkender Mensch gar nicht mehr, was man hier für dümmer halten soll. Die Bloginitiatoren oder die Kommentatoren. Will sagen, schreibt man sich da rein, am besten noch mit einer anonym bleibenden Botschaft, die so sinnig daherkommt wie

"Alda, spinnst wohl voll bescheuert oder was!!1111111elf

Das konnte mal wieder nur ein Ammi (oder!?!?) sein, alle diejenigen, die verstehen, was ich schreibe, werden wissen wovon ich spreche :p

Schlitzpisser ^^"

Mag man doch wirklich am Verstand der Menschheit zweifeln. Kapiert denn kein Mensch, dass genau das ist, was die Leute wollen, brauchen? Die Aufmerksamkeit von Idioten die nichts Besseres zu tun haben als Beschimpfungen unter Niveau zurückzugeben? Damit kann man echt was erreichen. Ganz toll! Bringt eure Wut, euer Mitleid, eure Solidarität zu Ausdruck, sagt diesen Typen, ihr würdet ihnen am liebsten eine Gurke in den Arsch schieben und ihr seit genauso blöd wie die, die sich freuen über jeden toten Asiaten. Wem die Blogs nicht passen, der kann sich doch auch einfach um seinen eigenen Kram kümmern. Mind your own Buisness. Habt ein wenig Würde. Ein wenig Stolz. Geht vorbei.

Hochachtung vor Google die ILOVETSUNAMI noch nicht vom Netz genommen haben. Auch das wäre schon zuviel der Ehre.

Tagebuch Nr. 1

Heute: Vorlesung bei Professor Dr. Stanitzek, Thema ist der Essay. Ich bin ordentlicher Student der hiesigen Universität, sitze in der ersten Reihe. Essay, man kennt das: Geist, Spontanität, Enzensberger. Sonntag, Susan, tot. Heute ist Donnerstag. 12:15. Die Vorlesung beginnt mit dem Hinweis auf die wohl momentan laufende Wahl des Studentenparlaments und auf zwei Zettel, die durch die Reihen gegeben werden sollen, aber mir Einsichtnahme in deren Inhalt dann doch verwehrt bleibt, da Prof. Stanitzek bei näherer Sichtung des mir verborgen bleibenden Inhalts die Erkenntnis gewinnt, das jener, verborgen bleibender Inhalt an Aktualität entscheidende Einbußen hinnehmen musste, da die bezeichnete Wahl des Studentenparlaments bereits an den beiden vorangegangenen Tagen abgehalten wurde, dem 10. und 11. Januar und somit heute, am 13., darauf verzichtet werden kann, uns mit dem Inhalt der beiden Zettel, die durch die Reihen gegeben werden sollten, vertraut zu machen. Unabhängige Beobachter rechnen nicht damit, dass die 7,5% Wahlbeteiligung des letzten Jahres erreicht werden kann. "Anyway", hofft Professor Stanizek, dass die Studierenden ihre Stimme nicht verschenkt haben. Hoffnung erfüllt, meine Stimme nicht verschenkt, mehr für mich behalten.
Vormittag folgendermaßen verbracht: Aufgestanden, Zähne geputzt, in die Uni zum Prüfungsamt marschiert. Die Anmeldung zur Abschlussprüfung, der Grund für das Aufstehen, weniger fürs Zähneputzen, kann am diesem Morgen jedoch nicht entgegen genommen werden. Das wird von einem Schild an der Tür des Prüfungsamtes verhindert, dessen Inhalt mir Mitteilt, das im Prüfungsamt eine Sitzung stattfindet, zu deren Störung ich nicht Eingeladen bin. Die Dauer der Sitzung wird mir, von einer netten Dame, die zu der Sitzung offensichtlich eingeladen wurde mit "Keine Ahnung" beziffert, open end.
Dann wandere ich eben ein wenig durch die Gänge. Alles zugekleistert mit Wahlplakaten hier, an einigen Stellen sind Plakate, die für die Zeitschrift werben, an deren Herausgabe ich beteiligt bin, überklebt, an anderer Stelle die Werbung für ein längst vergangenes Kolloquium. Diese Plakate habe ich entworfen. Und mir gefallen sie immer noch. Freundliche Typographie, sacht e angelehnt an die historische Avantgarde. Scheißdreck. 7,5% Feigenblatt-Demokratie überlagert Kunst und Wissenschaft. Welch ein Bild. Nicht mal Mühe hat man sich gegeben, beim überkleben wenigstens einen einigermaßen ansprechenden Collageneffekt zu erzielen, einfach drüber geklatscht. Aber die Sprüche auf den bunten Asta-Fetzen hätte kein Surrealist besser hinbekommen: Bettina Hirsch, Direktkandidatin Fachbereich 5, Fotoüberschrift: Esst mehr Spinat! Man weiß nun in der Postmoderne leider nie so genau, ist das nun die werbepsychologisch geschulte Gier Aufmerksamkeit zu Erzeugen, mit provozierend-irritativen Slogans, oder ernstzunehmendes hochschulpolitisches Programm? Vegetarier sind bei den Linken ja stark vertreten. Wieso weiß Keiner. Spontan fällt mir nur ein historisch-politisch relevanter Vegetarier ein: Hitler (der glaubte wahrscheinlich das VegetArisch zu Leben, lebendig-arisches Dasein bezeichnet).
"Anyway", auf den Plakaten der DLL (Deine Lieblingsliste, ein weiterer Politverein aus dem „Paradies auf den Hügeln“) heißt es Quadratisch, Praktisch, Gut! Eines neben dem anderen: Quadratisch, Praktisch, Gut! Die Plakate sind rechteckig. Wie Grabsteine. Die Kandidaten: Quadratisch und praktisch. Hm gut, quadrat ins englische übersetzt: square! Squares sind Quadratschädel, Spießer, Unbewegliche, Zombies. Das Gegenteil eines hipsters, amerikanische Kulturgeschichte der 50ziger Jahre, Ende. Jetzt sind die 60ziger dran. Irgend so ein Idiot hat "Immernoch dein Mann im Klassenkampf" auf seinem Plakat stehen. Immernoch, Klassenkampf? Für was für eine Klasse kämpfen die? Während die in ihren Fachschaftsräten sitzen und sich mit Donuts voll stopfen? A class of it's own. Brüsten sich immer damit unsere Kopierer nachzufüllen. Aber "Ich will niemanden zur Arbeit bewegen", nur ein weiterer dumpfer Spruch. Warum kann nicht irgendein arbeitsloser Asylant, vorzugsweise Moslem, die Kopierer nachfüllen? Ökonomisch und Integrativ, dann lernt der gleich Westeuropas mittelklasse Irrsinn aus der Nähe kennen. Und wenn wir ganz großes Glück haben, dann macht er tatsächlich, was der letzte hier zitierte demokratische Wahlslogan vorschlägt, und nimmt es leicht: "Nimm’s leicht, nehm’ Dynamit". Ein wahrhaft heiliger Krieg, wie früher in Afghanistan. Mudschaheddin gegen Stalinisten, die es 2003 noch nicht ertragen konnten Hitler und Stalin nebeneinander auf einer Seite abgebildet zu ertragen ("Diese Gleichsetzung geht schon mal gar nicht.") und nicht ertragen konnten, nicht alles im Leben politisch und blind sein muss.
Mit diesen noch vormittäglichen Gedanken im Kopf geht die Essayvorlesung zu Ende und eigentlich ist es schade wie wenig ich jetzt von Enzensberger und Schiermacher mitbekommen habe, die gerade sicher zusammen in einer sicheren Ecke hocken und heulen, weil es mit Bildung, Kultur und dem ganzen BlaBla den Bach runter geht. (Wie üblich sind natürlich die Medien daran Schuld.) Und es ist ja auch richtig, es geht den Bach runter mit der Bildung, der Kultur und dem christlichen Abendland. Nur hat das Fernsehen damit reichlich wenig zu tun, kein Enzensberger wird mir weismachen können, Massenunterhaltung hätte irgendwann mehr Niveau gehabt als der Bulle von Tölz. Schön waren die Zeiten als die Arbeiterklasse nur Goethe und Schiller in Sinn hatte. Dumm sind die intellektuellen Möchtegernführer, die immer noch nicht davon gehört haben, das es zu den konstanten im fluiden Erinnerungsvermögen des Einzelnen gehört die Vergangenheit verhältnismäßig positiver zu sehen als sie tatsächlich erlebt wurde. Und sich eben das vom einzelnen in die Gesellschaft überträgt, die aus der Kommunikation der Massen gemacht wird. Und zu den Massen gehören auch die Herrn die sich mit ihrem Gejammer vom Ende der Kultur der Arsch vergolden lassen. Wofür sind Herr Enzensberger und Herr Schiermacher verantwortlich? Verdienen an medial vermittelter Medienkritik? Warum nicht mal die traurigen Gesichter von den Seekarten losreisen und lachend dem Sturm begegnen, dem Untergang entgegen gehen. Mitteleuropa verreckt. Na und?
Auf dem Heimweg beobachte ich Karl Riha, den „Oberdada“, im Mensafoyer. Riha ist seit Jahren Emeritus, treibt sich trotzdem weiter an der Uni herum, zieht singend durch die Gänge, stört wichtige Sitzungen und erzählt unverständliches Zeug. Einmal hat er einer Oma, die mich nach dem Weg zur Mensa gefragt hat, damit zugeblubbert, dass junge Männer mit kurzrasierten Haaren immer sehr seltsame Auskünfte erteilen würden als er zufällig vorbeikam. Die arme Frau wusste überhaupt nicht was los ist. Und mit den Stories, die Riha über Adorno zum besten geben kann, will ich gar nicht erst anfangen.
„Anyway“, Riha überzeugt im Mensafoyer eine mongolische Mutter mit ihren kleinen Jungen, der in seinem Kapuzenanzug wie Kenny „verdammt sie haben ihn getötet“ von Southpark aussieht, ihm in die Sparkassenfiliale, die unsinniger weise statt der Commerzbank im Mensafoyer errichtet wurde zu folgen, wo er dem Sparkassenheini für den Kleinen Schokolade abschwatzt. Dann kommt Riha zu mir: „ Der ist so süß, da muss man doch einfach mal Fragen ob mal was für den bekommt.“ Der Junge straht und alle hier halten Riha für einen Irren. Wahrscheinlich hat die Mehrheit wie immer recht, that’s democracy. Aber der kleine Mongolenjunge strahlt, Riha entfernt sich und auch ich gehe den Gang hinunter und merke kaum noch wie ich tatsächlich anfange zu singen.

gedicht für weblog nr. 1

überrascht
war ich
auf der straße
stehen
geblieben

sah
dem jungen nach
dessen brust
im vorübergehen
ein überraschend
männliches husten
entfahren
war.

Dienstag, Januar 11, 2005

phototouristen oder phototourismen

Erster britischer Soldat wegen Misshandlung irakischer Gefangener verurteilt. Lassen wir beiseite: die Verhandlung gegen die drei so genannten Haupttäter läuft noch. Aber ist es nicht verwunderlich, wenn ausgerechnet jener, der die Verbrechen mit der Kamera dokumentiert, als erster einer ebenfalls so genannten Gerechtigkeit zugeführt wird? Ausgerechnet jener, der, wenn auch unwissentlich und unwillentlich, dafür gesorgt hat, das die Misshandlungen überhaupt bekannt werden? Was will die Werbesendung des britischen Militärgerichts Bergen (Niedersachsen) uns damit denn bitte sagen??? Was für ein Versagen wird da geahndet? Die Dummheit heutzutage noch Kleinbildfilme entwickeln zu lassen? (Ans Licht kommt die Sache nämlich erst, nachdem ein Mitarbeiter des Fotolabors, das die Filme entwickelt, Anzeige erstattet.) Oder die Idiotie die Beweise für die eigenen Vergehen wie Urlaubsfotos stumpf und stupide den Labors anzuvertrauen? (Hat wohl Roter Drache nicht gesehen)?

Oder wird hier vielmehr nicht zuerst der Abweichler der die Fahne, die Armee, Gemeinschaft, das Land, die Familia gefährdet hat, für öffentliches Aufsehen gesorgt hat, und sei es nur durch Dummheit, gerichtet? Agiert Justitia hier nicht mit derselben mythologischen Geste, die man in hunderten von Mafiafilmen längst so gut kennt, das man sie kaum noch wahrnimmt?

Was für ein Bild soll uns denn erhalten bleiben? Noch immer die traurig-romantische Demokratenhirnträumerei vom der sauberen Krieg? Der rettende Engel in Gestalt eines längst verlorenen Britsh Empire?

Ist irgendwer da draußen, der noch nicht gemerkt hat: Das ist Kriegt? Nicht weiß: Was ist Krieg? Überall, zu jeder Zeit… Hoffentlich stationiert ihr bald Blauhelme im Irak. UNO, neue Engel die ihre Stiefel nicht dazu verwenden die Gesichter fremder Völker in Blutlachen zu drücken… Die Stiefel werden dann ordentlich ausgezogen, bevor man 2 Eier (!) für die Jungfräulichkeit eines irakischen Mädchens bezahlt.

Interessant dazu, der Artikel in Telepolis "Die politische Rebellion der Erlebnisse" Peter Brinkemper zum Tod von Susan Sonntag. Darin unter anderem: "Konsequenterweise hat Susan Sontag (SZ, 24.5.2004) zuletzt am Folterskandal im Abu-Ghraib-Gefängnis den medialen Aspekt des Kampfes um die Bildpublikation hervorgehoben: Die verantwortliche US-Regierung zeige sich vorgeblich "schockiert und angewidert" von den Aufnahmen des ganz normalen GI-Foto-Folter-Tourismus, "gerade so, als ob diese Bilder selbst das Entsetzliche wären und nicht das, was sie zeigen"."

Montag, Januar 10, 2005

Sind verlorene Wege verlorene Ziele?


Immer scheinen Menschen Wege zu gehen. Wohin die Wege führen, wie die Wege aussehen, was die Menschen erleben, was sie denken und fühlen. Ich weiß nicht mehr genau, welchen Weg diese drei gegangen sind und warum. Tatsächlich weiß ich nicht einmal mehr, wer die Leute auf dem Foto waren. Ich weiß nur noch, dass ich dieses Bild gemacht habe, ohne dass mich die drei entdeckt haben. Und sie haben ausgesehen, als hätten eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Aber wer weiß schon, welche der Aufgaben, die wir auf den Wegen erledigen die wichtigen sind. Und wer weiß, welche Menschen, denen wir auf Kreuzungen begegnen die richtigen sind. Was tun, ohne Raster.